Ein Golf, ist ein Golf, ist ein Golf. Da kann man doch eigentlich gar nichts falsch machen, schon gar nicht, wenn man wie VW seit knapp 40 Jahren den erfolgreichsten Wagen der Welt baut. Oder vielleicht doch?
Was weiß man eigentlich über die Insel Sardinien? Dass der ehemalige italienische Premier Berlusconi dort seine “Bunga-Bunga” Bucht hatte. Dass Flavio Briatore seinen “Billionair” Club und seine Yacht dort pflegt. Dass es überhaupt sehr, sehr viel Geld auf der Insel gibt, zumindest an der Costa Smeralda, wo in den 70er schon mal ein James Bond gedreht wurde. Es gibt großzügige Golfplätze, die ganz praktisch direkt an einer Anlage voller Villen liegen, es gibt sehr teuere Restaurants und gepflegte Vorgärten. Bond, Villen und große Yachten, passt da der Golf hin? Oh ja, denn der Golf war und ist schon immer eines der wenigen Autos, mit denen man mittags vorm Discounter parken kann, um abends vor Staatsoper vorzufahren.
Da steht er also vor mir, der neue Golf 7. In Rot, genauer gesagt “Tornadorot”, so nennt VW diese Farbe, mit der er wirklich sehr schmuck aussieht. Schon Wochen vor dem Fahrtest habe ich mich gefragt, was ich von dem Wagen eigentlich erwarte. Oder besser: Was erwarte ich von VW? Meine Eltern fahren seit Jahren Golf, daher kenne ich den Golf 5 und den Golf 6 ziemlich gut. Und weiß, dass wenn es etwas gibt, was man dem Golf anlasten kann, das vielleicht etwas spartanische Innere ist. Doch schon die ersten Pressefotos verrieten, dass sich VW da hat etwas einfallen lassen.
Design
“Das hätte ich aber auch geschafft” ist so eine Aussage, die man oft hört, wenn man vor Kunst oder sehr reduziertem Design steht. Wahlweise auch “Hätten meine Kinder auch geschafft”. In der Tat, der Golf wirkt von außen sehr reduziert. Da gibt nicht viele Linien, Winkel oder Brüche, in denen man sich verfangen kann. Dabei haben die Designer dem Golf in seiner neusten Ausführung eine durchaus scharfkantige Front verpasst. Die eckigen Frontleuchten, die scharfe Falte auf beiden Seiten der Motorhaube – das sieht schon nicht schlecht aus. Und lässt vermutlich Tuning-Szene viel Raum für weitere Möglichkeiten. Seitlich zieht sich nur eine schmale Kante um das Auto, v0n hinten fallen die etwas schärfer eingezogenen Leuchten auf.
Es gibt noch ein paar mehr Details, wie die leicht eingewölbte Dachreling, und die ebenfalls leicht nach innen gezogenen Schweller. Letztere sind wirklich eine gute Idee, man versaut sich beim Ein- und Aussteigen nicht mehr die Hosenbeine am Schweller. Aber ansonsten wirkt der Golf braver als die Konkurrenz.
Ist das ein Nachteil? Die Erfahrung sagt: nein. Zum einen ist ein stark gestyltes Auto nicht jedermanns Sache, zum anderen neigt zeitgenössisches Design dazu, nach paar Jahren altmodisch zu wirken. Der Golf will (und muss) aber ein Auto für alle sein, da verbieten sich große Experimente. Das unauffällige Design hat zudem einen weiteren Vorteil auf dem Gebrauchtwagenmarkt, denn selbst ein 5er Golf wirkt bis heute nicht veraltet. Wenn man 5 Millionen Exemplare von einem Wagen verkaufen möchte, dann muss man Kompromisse eingehen, aber VW ist es immerhin gelungen, dem Wagen eine sehr moderne und schöne Linie zu geben.
Innenraum
Was für Außenhaut gilt, setzt sich im Inneren fort. Es gibt nichts zu meckern. Alles ist an seinem Platz, Tacho- und Drehzahlmesser sind so klar gezeichnet, wie man sich das wünscht. Keine Schnörkel, keine fancy LED-Spielerei. Vier Kreise, vier Nadeln, vier Anzeigen, die genau anzeigen, was sie sollen. Angenehm ist, dass VW die Armatur etwas nach vorne geholt hat und die Seitenteile der Armatur daher wegfallen. Das gibt dem gesamten Cockpit ein offenes Gefühl und streckt es etwas. Der mächtige 8 Zoll Bildschirm beherrscht auf Wunsch die Mittelkonsole, die leicht zum Fahrer geneigt ist. Alle weiteren Schalter sind da, wo sie hin sollen. Die Haptik vieler Knöpfe wurde dazu etwas verbessert, in dem man ihnen einen metallischen Überzug garniert hat.
Die Sitze sind außerordentlich bequem und bieten selbst großen Menschen wir mir einen sehr guten Seitenhalt. Mit meinem 186 cm fühlte ich mich nicht eingequetscht, ich hatte Platz genug und auch die Beinfreiheit stimmte.
Die Verarbeitung ist wie immer sehr, sehr gut. Nichts wackelt, nicht knirscht, knarrt oder ruckelt. Die Seitenscheiben fahren fast lautlos hoch und runter, die Innengeräusche sind auf ein Minimum reduziert.
Abzüge in der B-Note gibt es allerdings für ein paar Bedienelemente. Abstandskontrolle, Tempomat und andere Dinge werden alle über den Blinkerhebel bedient, der mit zwei weiteren Knöpfen ausgestattet ist. Dazu kommt die Menüführung, die über Wippschalter am Lenkrad bedient wird. Die Menüstruktur einerseits und die Bedienung der unterschiedlichen Knöpfchen andererseits verlangen ein sehr genaues Studium der Bedienungsanleitung. Das habe ich schon deutlich besser und vor allem intuitiver gesehen. Ein weiteres Beispiel: Die “Mode” Taste, mit der man zwischen “Eco”, “Sport”, “Normal” und “Persönlich” schalten kann. Die Taste liegt etwas versteckt hinter dem Wahlhebel, löste aber beim Drücken keine Veränderung aus. Der gewünschte Modus muss beim Modell mit dem Display dann auf dem Touchscreen ausgewählt werden. Da sollte man vielleicht doch mal schauen, wie die Konzerntochter Audi das macht.
Motor & Fahrverhalten
Zur Verfügung standen der 1.5 Liter TDI mit 150 PS und der aus dem A3 und dem Polo BlueGT schon bekannte 1.4 Liter TFSI mit 140 PS. Gefahren bin ich ausschließlich den TFSI, leider waren die Diesel immer zu schnell weg oder schon reserviert.
140 PS klingt erst einmal nach viel, aber man sollte sich nicht täuschen lassen. Der TFSI ist ausdrücklich auf günstige Verbrauchswerte ausgelegt, nicht auf Sportlichkeit. Der “Sport” Modus zwingt den Motor, vor allem in Verbindung mit dem optionalen DSG, zu hohen Drehzahlen und hektischen Schaltmanövern, aber wirklich Spaß macht das dem Motor nicht. Das kann man hören und fühlen. Zwischen 2.000 und 4.000 U/min gibt es satt Drehmoment, viel Vortrieb und ein kräftiges, aber nicht laut klingendes Motorgeräusch. Danach ist dann Schluss mit lustig. Der Motor wird recht laut, in Sachen Vortrieb passiert aber nicht mehr allzu viel. Ab 6.000 U/min ist sowieso Schluss, aber bis man dahin kommt, hat man eh schon freiwillig weiter geschaltet.
Was nicht bedeuten soll, dass der Wagen langsam ist. Nach knapp 9 Sekunden ist man auf 100 km/h, was ja durchaus ordentlich ist. Pudelwohl fühlen sich Wagen, Motor und Passagiere aber eher im unteren Drehzahlband, wenn man zum Beispiel im vierten Gang von 80 km/h aus beschleunigt.
Seine Stärken spielt der Motor auf der Autobahn oder nicht allzu kurvigen Landstraßen aus. Dank der Zylinderabschaltung geht es nicht ruhig, sondern auch sehr sparsam zur Sache. 5 Liter sollten sich erreichen lassen. Auf kurvigen Geläuf nervt dann etwas das DSG. Im “Normal” Modus muss man nach einer engen Kurve erst mal warten, bis das Getriebe seine Gänge sortiert hat, im “Sport” Modus wird hektisch hoch- und runtergeschaltet. Da schiebt man den Wahlhebel lieber in die “Manuell” Position und nutzt die etwas kleinen Paddels am Lenkrad, die sich aber dennoch gut bedienen lassen. Nur bei flotter Kurvenfahrt kann man die Schalter am Anfang schon mal suchen.
Das Fahrverhalten ist sehr neutral. Selbst ein sanftes Übersteuern ist kaum zu merken. Auch wenn man bewusst am Eingang einer Kurve auf das Gaspedal springt oder viel zu schnell rein fährt – die eingebaute Elektronik regelt das schon wieder runter. Man muss es schon arg übertreiben, um den Golf und sich selbst ins Schwitzen zu bringen. Aber – wie erwähnt – mit dem Motor muss das auch nicht sein. Deutlich ist aber, dass der Golf sich noch weiter verbessert hat. VW hat dafür vorne und hinten komplett neue Aufhängungen entwickelt und das merkt man auch. Die DNA für deutlich stärkere Motoren ist jedenfalls da, auf die 220 PS im GTI freue ich mich jetzt schon.
Aber die meisten Nutzer treiben ihren Golf kaum enge Kehren in den Bergen. Die absolute Stärke des Wagens ist sein Fahrkomfort. Weniger steif abgestimmt als der Audi A3, noch bequemer als sein Vorgänger. Diese Mischung bedeutet, dass man sich zu jeder Zeit im Golf wohlfühlt. Lange Autobahnfahrten sollten kein Problem sein. Nach 180, teilweise forsch gefahrenen Kilometern, bin ich aus dem Golf ausgestiegen und hatte nach 2 Minuten vergessen, dass ich gerade drei Stunden im Auto gesessen habe. Perfekt.
Fazit
VW ist ein kleines Kunststück gelungen. Sie haben ein momentan perfektes Auto gebaut. Wir sprachen in großer Runde nach dem ersten Testtag über den Wagen und waren uns einig, dass man schon sehr genau suchen muss, wenn man Kritik üben möchte. Es sind Kleinigkeiten, die auffallen, und mache Kritik resultiert auch nur aus der Tatsache, dass man als Tester etwas verwöhnt ist. Und natürlich: Es geht immer noch luxuriöser, schneller und leiser.
Aber man muss das nüchtern sehen. Der Golf 7 kostet in der Basisversion knapp 17.000 Euro. Selbst wenn man nur diese Version kauft, bekommt man extrem viel Auto für wenig Geld. Man kann vier Personen durch Europa fahren, man hat ein Auto mit robuster Technik, mit hohem Sicherheitsstandard und es macht vermutlich über Jahre das, was man erwartet: Problemlos und bequem von A nach B zu fahren. Und das alles für 17.000 Euro. Und in Sachen Fahrkomfort muss sich der Golf nicht vor Autos verstecken, die das Doppelte oder mehr kosten.
Natürlich steigt der Preis, wenn man bei Motor, Getriebe und Ausstattung zuschlägt. Die 30.000 Euro Marke ist da durchaus in Reichweite und ab da wird es dann schon wieder schmerzhaft. Sinnvoll ist, wenn man auf Ausstattungsangebote achtet und vielleicht ab Mitte 2013 nach einem gebrauchten Golf 7 schaut. Dann sollten die ersten Rückläufer da sein, die teilweise gut ausgestattet sind. Man müsste einen gut ausgestatteten Golf dann für 20 bis 23.000 Euro bekommen. Und hat dann einen Wagen, der Jahre hält. Die Konkurrenz wird sich mit dem Golf 7 sehr schwer tun.



































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