Den neue Mercedes CLS Shooting Brake mit dem Beinamen “Kombi” zu belegen, wäre vermutlich unfair. Der Wagen ist mehr als das und zeigt es auch ganz deutlich.
Da stand er also vor mir. Fast ein wenig geduckt und rund. Die Grundlinien des klassischen CLS sind gut zu erkennen, zumal die Front fast unverändert ist. Mitten auf dem Parkplatz vor dem Flughafen in Florenz standen eine ganze Handvoll der neuen CLS Shooting Brake und warteten auf eine Testfahrt durch die Toscana. Schon Tage vorher ging mir die Frage durch den Kopf, warum Mercedes einen Kombi in der Toscana vorstellt. Nun ja, gutes Essen, nette Umgebung, dachte ich. So richtig wurde das Rätsel dann nicht aufgelöst, aber immerhin gab das sprechende Navigation im CLS dann einen Hinweis. Bei der Vorbeifahrt der ersten Weingüter meldete sich die freundliche Stimme aus dem Armaturenbrett und verkündete fröhlich, dass man ganze 40 Kisten Wein in den CLS bekommen würde. Bei umgeklappten Sitzen auch gerne noch mehr. Das ist natürlich ein Argument. Aber für den großzügigen Weineinkauf hatte ich dann doch keine Zeit.
Los geht es, zusammen mit meiner bezaubernden Begleiterin, Heike Kaufhold. Ich hatte etwas mit den Abmessungen des Wagens zu kämpfen. Die schiere Länge von knapp 5 Metern und die Breite von knapp über 2 Metern lassen den CLS schon recht mächtig erscheinen. Aber die besondere, abrundete Bauweise des Wagens, führt dann auf der anderen Seite wieder zu Problemen. Im engen italienischen Stadtverkehr hilft die steil abfallende Motorhaube nicht wirklich dabei die Abstände zu erkennen. Vorbei brausende Scooter lassen einen immer etwas um Lack bangen. Zwar hilft beim Einparken ein schnöde piepsender Assistent und eine kleine Abstandsanzeige auf über dem Monitor, aber im Stadtverkehr hat die Elektronik gegen plötzlich auftauchende Fiat Puntos kaum eine Chance. Auch die Sicht nach hinten ist so eine Sache. Baubedingt versperrt eine breite C-Säule den Blick, ohne die Rückfahrkamera ist man auf sein Gehör angewiesen, was schnell teuer werden kann.
Also raus aus der Stadt, rauf auf die engen, gewundenen Strassen, vorbei an diversen Reben und knorrigen Olivenhainen. Und schon fühlt man sich ganz anders. Die “Wohnzimmer” Atmosphäre des CLS kommt hier endlich zur Geltung. Alles ist am richtigen Platz, man sitzt bequem, durch das offene Dach strömt warme italienische Luft ins Auto. Natürlich laden die Strassen auch dazu ein, mal die etwas flotter zu fahren. Aber will man das? Nein. Mit dem Shooting Brake möchte zumindest ich souverän daher gleiten und nicht 5 Meter und 2 Tonnen um Kurven wuchten. Zugegeben, der zunächst getestete CLS 250 CDI, der immerhin 204 PS leistet, hat so seine Schwierigkeiten mit den knapp 2 Tonnen. So lange man ein wenig dahin rollt, ist es ok. Verlangt man Leistung, sieht die Sache anders aus. Etwas brummelig liefert er seine 500 NM Drehmoment ab und bis die kommen, dauert es auch einen kleinen Moment. Dann doch lieber den 350 CDI nehmen, der 265 PS und 620 NM Drehmoment liefert.
Noch mehr Spaß macht der Wagen mit einem Benzinmotor. Ich finde Diesel meistens eine gute Wahl, gerade für einen größeren Wagen, aber im CLS passt der Motor einfach nicht rein. Da gibt sich Mercedes jede Mühe eine hemilige und bequeme Atmosphäre zu schaffen, und dann nagelt da vorne ein Diesel vor sich hin. Dann lieber den CLS 350 nehmen, der mit 306 PS auch völlig ausreichend motorisiert ist. Zudem brabbelt der 6-Zylinder schön vor sich hin und erhebt seine Stimme zu einem Fauchen nur, wenn man die 4.000 U/min Marke überschreitet. Dann geht es allerdings mit jeder Menge Kraft voran.
Wenn man es richtig krachen lassen möchte, greift man entweder zu CLS 500 mit einem V8 Motor, der 408 PS leistet (82.229 Euro) oder zum CLS 63 AMG, der dann 527 PS abliefert. Und ja, mit dem AMG kann man den Shooting Brake dann auch massiv sportlich bewegen. Aber dafür verlangt Mercedes dann auch 117.512 Euro. Dafür bekommt man dann auch einen “richtigen” Sportwagen und ehrlich gesagt – ich finde, der CLS braucht keine AMG Variante. Natürlich werden sich Käufer finden, aber mir passen die beiden Konzepte nicht zusammen. Das sanfte Gleiten mit einer Leistungsreserve, die man bei Bedarf auch mal abrufen kann, stehen dem Wagen besser.
Bei der ersten halbwegs schönen Aussicht halten wir dann an. Endlich mal Zeit, die Linie des CLS zu betrachten. Und dabei feststellen, dass den Mercedes Designer ein kleines Kunststück gelungen ist. Ich gebe zu, ich bin kein Fan des CLS Coupé. Es ist mir etwas zu rund, mir fehlen die Akzente. Der Shooting Brake zeigt zwar die Front des Coupé, hat aber selbstredend ein anderes Heck. Und in der Seitenansicht macht dass dann plötzlich alles Sinn. Die Dachlinie fällt eigentlich kaum ab, dafür hat man die Fensterlinie runter gezogen, und das Heck gegenläufig gezeichnet. Es spitzt sich quasi von oben und unten nach hinten zu und gibt dem Wagen eine sehr dynamische Linie. Das ist tatsächlich alles genauso neu und erfrischend, wie es Mercedes versprochen hat. In Matt-Weiß ist der Wagen allerdings nicht gut gekleidet, dann eher das “Designo Magno Alamitgrau” wählen, oder das Palladiumsilber.
Weiter geht s, wieder über enge Strassen und die Gedanken drehen sich um die Frage, wer so einen Premium-Kombi eigentlich kaufen möchte. Edles Interieur, viel Platz im Heck – das spricht für einen solventen Familienvater, der Wert auf Design legt und sich bei Mercedes bisher nicht richtig versorgt sah. Auf der anderen Seite steht da der Preis. 61.761 Euro sollte man zur Verfügung haben, will man den Wagen in der Garage parken. Für den von mir empfohlenen Benziner braucht man 66.818 Euro. Und dann ist da noch die bekannte Aufpreisliste, mit dem man den Wagen bequem auf 80.000 Euro und mehr treiben kann. Ist das nicht ein wenig viel für einen Familienvater, der Frau und Kinder stilvoll transportieren möchte?
Ich habe das Auto eigentlich für andere Menschen im Sinn. Jene, die ein bis zwei Golftaschen im Kofferraum liegen haben, oder eben jene, die ein Segelboot ihr eigenen nennen. Der Kofferraum ist groß genug um auch große Segelpakete zu transportieren und seine Linie passt perfekt auf jeden Boulevard in Süd-Frankreich. Dazu passend gibt es auch einen Kofferraumboden aus Holz. Nicht aus Teak, aber aus Kirschholz und er macht den CLS noch etwas schöner. Natürlich – ein Holzboden ist wohl das unpraktischste, was man sich in dem Auto vorstellen kann. Man kann die kommenden Kratzer schon sehen, wenn ihn nur anschaut. Mercedes liefert eine Abdeckung, was die Sache jetzt auch nicht sinnvoller macht, denn dann sieht man den Boden nicht mehr. Aber es sieht dennoch verboten gut aus. Schade nur, dass Mercedes das sehr schöne Holz nicht auch im Innenraum verbaut.
Am Abend steht der CLS Shooting Brake vor einem bekannten Hotel in Florenz. Eine Umgebung, in der sich der Wagen sichtlich wohlfühlt. Erstaunlich auch die Reaktion der Design verliebten Italiener. Viele bleiben stehen, aber nur wenige drücken ihre Nase ans Fensterglas. Die meisten schauen, gehen mal einen Schritt zurück, legen den Kopf schief und ertasten mit ihren Blicken die Linien und Proportionen des Shooting Brake. Und ja, so in der untergehenden Sonne sieht der Wagen noch besser aus.
Der Shooting Brake ist mal wieder echter Mercedes. Er ist schön, er ist luxuriös und er ist teuer. Er ist all das, was das Image von Mercedes ausmacht, was vergessen lässt, dass die Marke mittlerweile auch im “Brot & Butter” Autogeschäft unterwegs. Sein Design ist nicht mutig, ist einfach gelungen. Er wird kein Wagen sein, der in den Zulassungsstatistiken vorne zu finden sein wird. Aber wird auffallen, er wird Emotionen wecken und er wird in manchem Jungen den Traum wecken, eines Tages so einen Mercedes fahren zu können.



























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